Modell Gemeindeschwester: gute Strategie gegen Ärztemangel im ländlichen Raum?

VDAB sagt: nein, Ausweitung der Pflegedienste würde reichen
Jetzt soll etwas wiederkommen, was es in der Nachkriegszeit schon gab (als es auch noch Ortspolizisten gab): die überall helfende, persönlich bekannte Gemeindeschwester. Sie kann vor allem da, wo Ärzte rar sind, klassische Leistungen der häuslichen Krankenpflege übernehmen wie Verbandswechsel und Medikamentenvergabe, blutdruck-, Blutzucker- und Pulsmessen sowie Insulingabe.
In Mecklenburg-Vorpommern läuft seit ein paar Jahren ein Modellprojekt, es soll jetzt ausgeweitet werden. Auch in anderen Bundesländern wie Brandenburg und Sachsen wird der Einsatz von Gemeindeschwestern erprobt.
Der Verband Deutscher Alten- und Behindertenhilfe e.V. (VDAB) ist dagegen.
"Der größte Teil der Aufgaben einer Gemeindeschwester wird bereits von professionellen Pflegediensten erbracht", betont Oliver Aitcheson, Leiter des ambulanten Fachbereichs beim VDAB. "Mit den Gemeindeschwester-Projekten entsteht lediglich eine staatlich geförderte Konkurrenz zu den Pflegediensten." Eine folgenschwere Einschränkung der Tätigkeitsbereiche und des Auftragsvolumens ambulanter Dienste wäre die Folge. Der Einsatz von Gemeindeschwestern biete darüber hinaus keine dauerhaft finanzierbare Lösung, um dem Problem der ärztlichen Unterversorgung zu begegnen.
Die Aufwertung qualifizierter Pflegekräfte wäre der bessere Weg – sagt der VDAB.
Für den Außenstehenden ist das schwer zu beurteilen, aber man muss sich darüber im klaren sein: der VDAB ist eine Interessenvertretung – also bestimmt nicht objektiv und sachlich. Der Vorteil der Gemeindeschwester wäre der persönliche Bezug über Jahrzehnte – das kann keine Einrichtung ersetzen, bei der naturgemäß die einzelnen Mitarbeiter austauschbar sind und meist keinen örtlichen Bezug haben. Außerdem: Wer die eigenen Interessen in einem derartig hölzernen Bürokratendeutsch vertritt wie in den folgenden Zitaten, wirkt nicht überzeugend:
"Eine zukunftsfähige Strategie zur Sicherstellung einer wohnortnahen Versorgung der Patienten sehen wir in der Erweiterung des Kompetenzbereichs professioneller Pflegefachkräfte", schlägt Aitcheson vor. "Bereits seit langem spricht sich der VDAB dafür aus, Krankenpflegekräfte dazu zu befähigen, etwa im Bereich der pflegerischen Prophylaxen eigenständig den Bedarf des Hilfebedürftigen zu erheben und entsprechende Verordnungen ausstellen zu dürfen." Durch diese geänderten Zuständigkeitsverteilungen könnte der drohenden Versorgungslücke in Regionen mit ärztlicher Unterversorgung weitaus effektiver begegnet werden, betont Aitcheson. Gleichzeitig werde durch diese Maßnahmen der Verwaltungsapparat verschlankt und Kosten eingespart. Da Pflegekräfte ihre Patienten vor Ort sehr gut kennen, könne auch die Basispflege besser koordiniert werden, so Aitcheson abschließend.
Haben Sie alles verstanden?
Weitere Infos auf der Seite des VDAB. Über Gemeindeschwestern kann man am konkreten Beispiel hier etwas erfahren. Das Modellprojekt heißt Arztentlastende, Gemeinde-nahe, E-Healthgestützte, Systemische Intervention = AGnES – auch ein toller Ausdruck, nicht wahr?
Bildquelle (historisches Foto von 1919): vordem.de