Schulmedizin contra Komplementärmedizin: Hickhack statt Zusammenarbeit

Die folgende Pressemitteilung schießt übers Ziel hinaus – es ist immer ein schlechter Stil, wenn in einer Diskussion ein Extrem mit dem anderen Extrem beantwortet, nein: erschlagen wird. Doch lesen Sie erst einmal die Mitteilung, ich werde meinen Kommentar unten fortsetzen …
"Als frechen Versuch des Zugriffs auf den Geldbeutel der Kranken weist die Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP) die Forderung des "Bündnis Selbstbestimmung in der Medizin" zurück, die Komplementärmedizin der Schulmedizin in der gesetzlichen Krankenversicherung gleichzustellen. "Statt herumzujammern sollte es lieber seine Hausaufgaben machen und den Wirksamkeitsnachweis für die propagierten alternativen Methoden liefern", so der Geschäftsführer der GWUP, Amardeo Sarma.
Das "Bündnis Selbstbestimmung in der Medizin", in dem neun Verbände von Ärzten, Homöopathen und Patienten zusammengeschlossen sind, hatte in der Ärzte-Zeitung vom 10.11.06 eine solche Gleichstellung gefordert. Des Weiteren hatte es die üblichen objektiven wissenschaftlichen Methoden zum Wirksamkeitsnachweis, wie kontrollierte Doppelblindstudien, abgelehnt. An ihre Stelle sollten "Falldokumentationen mit Patientenzufriedenheitsbefragungen" treten.
Gerade letzteres hält die GWUP für besonders dreist, weil es der allzu offensichtliche Versuch ist, objektiven Standards aus dem Weg zu gehen. Die Forderung nach "strukturierten Falldokumentationen mit Patientenzufriedenheitsbefragungen" sei aberwitzig und gefährlich. "Man stelle sich vor, alle medizinischen Verfahren und arzneimittel würden so zugelassen. Wir würden dann in eine Zeit zurückgeworfen, wie sie weit vor dem Contergan-Skandal bestand: eine Zeit ohne zuverlässige Arzneimittelsicherheit", so der Mediziner Dr. Werner Hessel von der GWUP.
Dagegen begrüßt die GWUP grundsätzlich die Forderung nach Gleichberechtigung. "Wir haben immer gefordert, dass alle Therapien und Diagnoseverfahren unabhängig von ihrer Herkunft die gleichen objektiven, wissenschaftlichen Standards bei der Erbringung eines Wirksamkeitsnachweises erfüllen müssen", so Hessel.°
Der Abschluss klingt ja sogar versöhnlich – aber, ist er es wirklich? Ich bin keineswegs pauschal der Meinung, Naturheilkunde, Alternativ- oder Komplementärmedizin seien grundsätzlich besser, aber sie mit Formulierungen wie "frecher Versuch" und "besonders dreist" zu diffamieren oder lächerlich zu machen ist auch falsch. Scharlatane gibt es in beiden Bereichen und das, was man unter "Placebo" zusammenfasst, ebenso!
Einen grundsätzlichen Unterschied in der Auffassung gibt es allerdings, was manche Ärzte auch nicht begriffen haben, die auf ihrem Schild "Naturheilkunde" stehen haben, weil sie in einem Schnellkurs die Berechtigung dazu erworben haben: Der Alternativmediziner oder Heilpraktiker versucht in der Regel GANZHEITLICH und LANGFRISTIG-DURCHGREIFEND zu wirken; der Schulmediziner strebt zu allererst kurzfristige Wirkung an – gewiss, das System zwingt ihn vielfach dazu: Die Kopfschmerztablette soll den Migränepatienten kurzfristig dazu instand setzen, wieder voll in den Arbeitsprozess einzusteigen (ein Beispiel).
Wirksamkeitsnachweise heute ausschließlich auf Doppelblindstudien zu stützen – das kann man doch nun wirklich inzwischen nicht mehr vertreten!
Kürzlich hatte ich in diesem Blog über Placebo und Nocebo (die negative Kehrseite) geschrieben. Eine Leserin fragte dann im Kommentarteil: "Kann es einfache Autosuggestion sein?" Recht hat sie, aber das ist ja auch nichts Schlimmes! Es käme dann nur darauf an, dass man es lernt, die Suggestionen vom Negativen ins Positive zu wenden – und sei es auch zunächst unter Anleitung eines guten Heilers …
Quelle der Pressemitteilung: Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP) e.V. über openPR.
Bild: tourenguide.ch.